Wer durch den Harz wandert, sieht sie: große Flächen mit abgestorbenen Fichten, kahle Hänge, Totholz wo früher dichter grüner Wald war. Viele Gäste fragen sich, was hier passiert ist – und ob der Harz krank ist. Die Antwort ist vielschichtig und reicht weit in die Vergangenheit zurück. Sie handelt von Krieg und Wiederaufbau, von wirtschaftlichen Zwängen, Klimawandel und dem Überlebenskampf eines ganzen Ökosystems. Und sie endet mit einem hoffnungsvollen Neuanfang.
Kriegsende und Reparationshiebe: Der Anfang einer langen Geschichte
Um zu verstehen, warum der Harzwald so aussieht wie heute, müssen wir ins Jahr 1945 zurückgehen. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs lag Deutschland in Trümmern. Holz war lebensnotwendig – zum Heizen, zum Wiederaufbau und für die Reparationsleistungen an die Siegermächte. Der Harz, der in der britischen Besatzungszone lag, musste seinen Teil beitragen.
Zwischen den 1930er Jahren und etwa 1950 führten intensive Kahlschläge und Übernutzung allein in Niedersachsen zu rund 140.000 Hektar entwaldeter Fläche. Der Wald wurde förmlich abgeholzt – und musste danach so schnell wie möglich wieder aufgeforstet werden. Diese Aufgabe übernahmen zu einem großen Teil Frauen, die sogenannten „Kulturfrauen“. Während die Männer noch im Krieg oder in Gefangenschaft waren, pflanzten diese Frauen unter härtesten Bedingungen neue Bäume für geringen Lohn. Ihre Leistung wurde später auf dem westdeutschen 50-Pfennig-Stück verewigt – es zeigte eine knieende Frau, die eine Eiche pflanzt.
Die Fichte als „Brotbaum“ – eine Monokultur entsteht
Bei der Wiederaufforstung gab es jedoch ein entscheidendes Problem: Im Harz stand damals nur Fichtensaatgut in ausreichender Menge zur Verfügung. Die Fichte bot außerdem wirtschaftliche Vorteile – sie wächst schnell, liefert wertvolles Holz und war seit Jahrhunderten der „Brotbaum“ der Forstwirtschaft im Harz.
Also wurde die Fichte gepflanzt – auch dort, wo sie von Natur aus gar nicht hingehört. Eigentlich ist die Fichte ein Hochgebirgsbaum und fühlt sich erst ab etwa 700 bis 800 Metern Höhe wirklich wohl. In den tieferen Lagen des Harzes hingegen wären ursprünglich Laubbäume heimisch: Buchen, Ahorn, Birken und Eschen. Doch Jahrzehnte lang dominierten dichte Fichtenreihen das Landschaftsbild – gleichaltrig, gleichförmig, in Reih und Glied gepflanzt. Eine Monokultur, die zwar wirtschaftlich effizient war, aber ökologisch höchst fragil.
Sturmtief Xavier, Herwart und Orkan Friederike (2017/18): Der erste große Schlag
Jahrzehntelang schien das System zu funktionieren. Doch dann kam der Herbst 2017. Am 5. Oktober 2017 fegte Sturmtief Xavier über Norddeutschland – ein sogenannter „Grüner Sturm“, der die Wälder traf, als die Bäume noch vollständig belaubt waren. Der Segel-Effekt der Blätter verstärkte die Windkraft enorm und riss Tausende Bäume um. Nur wenige Wochen später, am 29. Oktober 2017, folgte Herwart mit weiteren Sturmschäden.
Den Höhepunkt bildete Orkan Friederike am 18. Januar 2018 – der stärkste Sturm seit der Jahrtausendwende. Friederike war die schwerste Sturmsaison seit 2006/2007. Allein in Deutschland fielen dabei 17 Millionen Kubikmeter Sturmholz. In den niedersächsischen Staatsforsten wurden mehr als eine Million Kubikmeter Holz zu Fall gebracht. Im Harz türmten sich Baumstämme wie Mikado-Stäbchen übereinander.
Das geworfene und gebrechene Holz bot ideale Brutbedingungen für einen winzigen, aber verheerenden Feind.
Trockenheit ab 2018: Der Harz lechzt nach Wasser
Als hätten die Stürme nicht schon genug Schaden angerichtet, folgten drei außergewöhnlich trockene und heiße Sommer in Folge: 2018, 2019 und 2020. Der Harz, der für sein feuchtes Gebirgsklima bekannt ist, trocknete aus. Die Fichten, die ohnehin schon durch die Stürme gestresst und geschwächt waren, konnten sich nicht mehr erholen.
Eine gesunde Fichte verfügt über eine bemerkenswerte Abwehr: Sie schleudert aus ihren Harzkanälen klebrigen Harz gegen eindringende Insekten und erstickt sie damit. Doch für diese Abwehr braucht der Baum ausreichend Wasser. Trockenstress macht die Fichte wehrlos – und genau das nutzten die Borkenkäfer aus.
Der Borkenkäfer: Winzig, aber verheerend
Der Buchdrucker (Ips typographus) – so heißt die wichtigste Borkenkäferart im Fichtenwald – ist gerade einmal 4 bis 5 Millimeter klein. Doch seine Wirkung ist gewaltig. Der Käfer bohrt sich in die Rinde geschwächter Fichten, legt dort seine Gänge an und legt Eier. Die Larven fressen die lebenswichtige Bastschicht des Baumes durch, die Wasser und Nährstoffe transportiert. Wenige Käfer genügen, um eine Fichte zum Absterben zu bringen.
In warmen, trockenen Jahren vermehren sich die Käfer explosionsartig: Ein einziges Weibchen kann über mehrere Generationen bis zu 200.000 Nachkommen hervorbringen. Was unter normalen Bedingungen ein natürlicher Teil des Waldökosystems ist, wurde zur Katastrophe: Der Borkenkäfer ist letztlich nicht die eigentliche Ursache des Waldsterbens, sondern eine Folge des Klimawandels, der die Fichten massiv geschwächt hatte.
Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Seit 2018 sind im Nationalpark Harz mehr als 11.600 Hektar Fichtenwald abgestorben – das entspricht etwa 90 Prozent des ehemaligen Fichtenbestandes. Von den ursprünglich 20.500 Hektar Fichtenwald im Nationalpark waren bis 2020 bereits rund 14.700 Hektar (72 Prozent) durch den Borkenkäfer vernichtet. Im gesamten Harzgebiet wurden seit 2018 rund 5 Millionen Kubikmeter Schadholz eingeschlagen.
Langsame Erholung: Der Harz wird wieder grün
Doch die Geschichte hat ein hoffnungsvolles Kapitel. Denn was auf den ersten Blick kahl und tot wirkt, ist in Wirklichkeit der Beginn von etwas Neuem.
Im Nationalpark Harz gilt das weltweite Motto aller Nationalparks: „Natur Natur sein lassen.“ Die abgestorbenen Fichten bleiben stehen oder fallen, wie es der natürliche Prozess vorgibt. Das Totholz verrottet, gibt Nährstoffe an den Boden zurück und bietet Lebensraum für hunderte Tier- und Pflanzenarten. Aus den Kahlflächen sprießen bereits Pionierbaumarten hervor: Birken, Vogelbeere, Weiden und Espen. Genau jene Baumarten, die eigentlich hierher gehören.
Zwischen 2008 und 2018 wurden allein im Nationalpark rund 4,3 Millionen Rotbuchen und weitere einheimische Gehölze gepflanzt, die nun zunehmend Fuß fassen. Seltene und gefährdete Tier- und Pflanzenarten, die in der Fichten-Monokultur keinen Lebensraum fanden, kehren zurück.
In den Wirtschaftswäldern rund um den Nationalpark geht der Wandel mit menschlicher Hilfe voran. Forstleute setzen auf klimaangepasste Mischwälder mit Douglasien, Lärchen, Weißtannen, Buchen und Ahornarten – Baumarten, die sowohl mit Wärme als auch mit Trockenheit besser umgehen können. Das niedersächsische LÖWE-Programm (Langfristige Ökologische WaldEntwicklung), das seit 1991 den Waldumbau vorantreibt, hat in 25 Jahren den Anteil von Mischbeständen mit Laubbäumen von 31 auf 58 Prozent gesteigert. Der Harz lernt gerade, klimaresilient zu werden.
Was ihr bei eurem Besuch sehen könnt
Wenn ihr von Busches Butze aus in den Wald spaziert, werdet ihr diesen Wandel mit eigenen Augen erleben. Graue, stehende Totholzfichten neben frisch-grünem Jungwuchs. Kahle Hänge, die von Gräsern, Kräutern und jungen Bäumchen langsam zurückerobert werden. Es ist kein Bild des Todes – es ist ein Bild des Übergangs.
Der Harz trägt seine Geschichte sichtbar in sich. Und er erholt sich – Schritt für Schritt, Baum für Baum. Das braucht Zeit: Eine Buche wächst etwa einen halben Meter pro Jahr. Doch die Richtung stimmt. Wer heute durch den Harz wandert, ist Zeuge eines der bemerkenswertesten Naturschauspiele Deutschlands: der Wiedergeburt eines Waldes.
Habt ihr den Wandel des Harzer Waldes bei eurem Aufenthalt beobachtet? Wir freuen uns über eure Eindrücke in den Kommentaren!
